Gratis Umarmungen – Free Hugs
September 16, 2011
Es wird mal wieder Zeit für einen Erfahrungsbericht. Der Einfachheit halber diesmal in deutscher Sprache. If you’d like an english version – just ask and I’ll translate it. Heute früh kam mir die Idee in den Sinn mal die “Free Hugs” Variante auf deutsch auszuprobieren. Ich sag euch, wie ich das beschlossen hab bin ich erstmal ganz aufgeregt geworden und dann hab ich überlegt wie man das am Besten ins Deutsche übersetzen kann. Schließlich bin ich auf „Gratis Umarmungen“ gekommen und somit hatte ich keinen Grund mehr zu kneifen. So gegen 16:15 Uhr bin ich dann mit einem selbstgebastelten Schild (vorne und hinten) losgestiefelt und ab ins Abenteuer. Ich kann euch sagen, die ersten Schritte waren die schwersten. Raus aus dem Haus in voller Montur und ab auf die Straße, Leuten begegnen. Natürlich ist die erste Person der ich begegne mein Nachbar – ich auf der Einen, er auf der Anderen Seite einer Fußgängerampel – mann ist mir erstmal das Herz in die Hose gerutscht, aber alles halb so schlimm, ich hab ja noch nen Weg vor mir. Während ich so laufe wird mir klar, dass mich jetzt definitiv alle anstarren und mir ist etwas unwohl in meiner Haut zumute, also sag ich zu Gott: du hilfst mir schon oder? Und stiefele weiter. Die erste Umarmung kommt prompt – eine Fahrradfahrerin sieht mein Schild, hält an und sagt: „das ist ja super!“ und wir umarmen uns. Das Eis ist gebrochen, jetzt habe ich auch den Mut weiter zu laufen. Ich überlege mir so, wie macht man das eigentlich? Laufe ich einfach nur rum und warte darauf, dass die Leute mich ansprechen oder bin ich offensiv? Erstmal die defensive Taktik zum reinkommen – was dann passiert weis man ja eh nicht. Es geht nun quer über den Aufsessplatz und ich verteile Umarmungen. An einem Café komme ich mit zwei Herren ins Gespräch, die wissen wollen wie ich auf so eine Idee gekommen bin. Ich erzähle ihnen freimütig, dass ich über die Free Hugs Aktion im Internet gelesen habe und das einfach mal ausprobieren wollte. Eine Umarmung wollen sie nicht. Dann gehe ich weiter und ein älteres Ehepaar sieht mich, ich beschließe offensiv zu sein und frage sie, ob sie eine Umarmung wollen. Die Frau bejaht – und so bekommen beide das Gewünschte. Am Nachbartisch die Leute werden auch gleich mit einbezogen und so kommen wir ins Gespräch. Sie finden die Idee klasse und wünschen mir noch viel Spaß. Die nächsten ist eine Gruppe Teenies, die wissen wollen warum ich das mache. Ich erzähle ihnen wieder meine Story und die in der Mitte lässt sich zum Abschied umarmen. Ein paar Jungs fragen obs auch was anderes gibt – ich antworte daraufhin: Die Umarmung ist gratis, mehr kostet (keine Ahnung warum mir gerade so ein blöder Spruch in den Sinn und über die Lippen kommt). Auf der linken Seite sitzt eine größere Gruppe und eine Frau mit wunderschönen Sommersprossen und roten Haaren schaut mich an. Ich frage sie, ob sie eine Umarmung möchte, und sie bejaht freudestrahlend. Heute ist ein guter Tag. Ich wandere weiter (so 5 Meter schaffe ich) dann schaut mich im nächsten Café eine Dame an. Auf meine Frage antwortet sie: warum? Ob ich damit irgendwas bezwecke? Meine Antwort ist: einfach so, weil es spaß macht. Daraufhin sie: Dann geb ich DIR eine Umarmung. Sie ist Italienerin, aber schon eine ganze Weile in Deutschland und erzählt mir, dass das in Italien Gang und Gäbe ist sich zu Umarmen und Küsschen auf die Wange zu geben. Ich erzähle ihr, dass ich seit meines Musicalstudiums erstmal allergisch auf küsschen reagiere, da das dort immer so ein geheucheltes geknutsche war und ich das nicht ausstehen kann. Dann kommt ein Bekannter von ihr an und sie lautstark: Komm her, es gibt gratis Umarmungen! Bislang ist meine Bilanz ausgeglichen Hälfte Männer, Hälfte Frauen. Ich frage die Dame am Nachbartisch und sie meint: „na, mit fremden mach ich das grundsätzlich nicht“ und schon sind wir mitten in einer Diskussion gelandet. Warum nicht? Was spricht dagegen? Woraufhin sie meint, das gebe ihr nichts und zu einer Umarmung braucht es Vertrauen. Das finde ich eine sehr faszinierende Antwort, wo ich definitiv auch noch das ein oder andere mal darüber nachdenken werde. Dass es einem nichts gibt kann ich so was von nicht bestätigen. Meine bisherige Erfahrung sagt mir, dass es einem sehr wohl etwas gibt – und nicht gerade wenig. Während ich gerade so darüber nachdenke und meinen Weg fortsetze (ich frage das Paar am übernächsten Tisch) werde ich auf einmal von hinten herzlich umarmt. Klasse! Gerade will ich meinen Weg fortsetzen, da höre ich eine Stimme von hinten: „Entschuldigung, bekomme ich auch eine Umarmung?“ ein junges Mädchen steht direkt vor mir. Anscheinend ist sie extra zu mir hergerannt gekommen. „Na klar“ sage ich und breite die Arme aus. Inzwischen bin ich nur noch am grinsen, einfach weil es schön ist Leute zu umarmen. Mein nächstes „Opfer“ ist ein Mann, der nebendran steht und raucht. Auch er will wissen ob ich ein bestimmtes Ziel verfolge, ich sage: nö, ich mach das einfach so. Das beruhigt ihn und er lässt sich gerne umarmen. Nun bin ich über den Aufsessplatz hinaus und wandere Richtung Hauptbahnhof. Hier sind weniger Menschen unterwegs, was mich allerdings nicht davon abhält, die wenigen die ich treffe zu fragen und so umarme ich noch einen Mann (er ist in Begleitung einer jungen Dame und auf meine Frage an sie sagt sie: ich nicht, aber er schon), einen jungen Herrn, der in einem Hauseingang sitzt und mit drei Taschen bepackt ist, zwei junge Damen (die mich fragen warum – ich gebe meine übliche Antwort und sie meinen: na ob das bei ihnen spaß machen würde – ich sehe keinen Grund warum nicht – und tatsächlich – es macht Spaß), einen Herrn, der vor einem Laden sitzt, seinen Chef der rausschaut und gleich auch noch drauf angesprochen wird, einen türkischen jungen Mann, der Shisha raucht (sein Freund möchte lieber nicht), eine Frau, die erst hinter mir läuft und als ich mich umdrehe und sie frage gerne „ja“ sagt und mich ein kleines Stück auf meinem Weg begleitet. Dann komme ich an der Südseite vom Hauptbahnhof an. Ein älterer Herr findet die Idee toll, möchte aber lieber keine Umarmung, die bekommt dann ein junger Herr, der mir direkt entgegenkommt und auf meine Frage lautstark antwortet: jetzt bekomm ich aber angst. Er geht mit einem strahlenden Gesicht weiter (ich würde mal sagen, DIE Angst war unbegründet). Bislang läuft alles wunderbar und ich habe nur zwei „unsittliche“ Anfragen bekommen – von Jungs halt Im Hauptbahnhof ist wieder ein gewusel an Menschen. Ich umarme eine blonde Frau, eine Asiatin, einen jungen Mann mit Trekkingrucksack, dann ist erstmal Ebbe – die Leute wollen zum Zug. Mein nächstes „Opfer“ ist eine alte Dame. Sie kommt langsam des Wegs und als ich sie frage, ob sie eine Umarmung möchte strahlt sie über das ganze Gesicht und sagt: „ja gerne, das ist genau das Richtige jetzt.“ Ein Fahrradfahrer lässt sich auch noch umarmen. Die nächsten Passanten trauen sich nicht und so bekommt ein Mitarbeiter der deutschen Bahn (später finde ich heraus, dass er Klaus heißt) eine Umarmung. Nun bin ich in der Haupthalle angekommen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich jetzt noch an alle Umarmungen erinnern kann – es sind viiiiele Menschen hier. Meistens beschäftigt, viele mit Koffer, einige mit Fahrrad. Dann komme ich an einem Café an der Schlemmerpassage vorbei und zwei Herren, die da sitzen schauen mich an. Ich – inzwischen überhaupt nicht mehr schüchtern – frage sie ob sie eine Umarmung wollen – sie bejahen, und laden mich auf eine Cola ein. Die Kellnerin bekommt auch noch einen Knuddler und schon sind wir mitten im Gespräch. Warum mache ich das, wie bin ich auf die Idee gekommen, was mache ich sonst noch? Die beiden sind alte Freunde und kommen aus dem Iran. Sie haben zusammen studiert und dann in unterschiedlichen Städten gewohnt, bis sich ihre Wege in Nürnberg wieder gekreuzt haben. Nun treffen sie sich 1-2 mal in der Woche spontan auf ein Bierchen und tauschen sich aus. Der Eine meint, im Iran würde man als Mann zusammengeschlagen werden und als Frau verhaftet werden, wenn man mit so einem Schild herumläuft. Ich frage nach, wie es dort so ist und er erzählt mir, dass es eine sehr strikte Trennung von Männern und Frauen gibt, aber unter der Oberfläche würden dadurch viele unschöne Dinge geschehen. Immer wieder kommen Passanten vorbei (klar, Hauptbahnhof Freitag Nachmittag, da is was los) und schauen. Keiner, der das Schild sieht geht einfach so weiter. Eine Frau umarme ich noch, die sich total freut, dann kommt eine Gruppe von Jungs – von denen einer ganz cool mich anspricht, als ich ihn umarmen will dann aber zurückweicht. Tjaja – so cool sich umarmen zu lassen war er dann doch nicht. Ein Ehepaar mit Koffern wird auch noch umarmt und der Mann meint: das baut mich gerade total auf. Dann macht mich einer meiner Iranischen Gesprächspartner auf die beiden Bahnbeamten aufmerksam, die eine Etage höher stehen. Ich frage sie ob ich raufkommen soll, sie nicken und schon habe ich meine nächste Station gefunden. Nach der Cola verabschiede ich mich von den Beiden und gehe über die Rolltreppe nach oben. Die beiden freuen sich sichtlich und fragen mich auch, warum ich das mache. Ich antworte: als Herausforderung für mich und weil es Spaß macht. Bernhard und Klaus (der, den ich vorhin schon umarmt hatte) sind sichtlich beeindruckt, und Bernhard meint, er würde gerne meine Erfahrungen hören, am Besten bei einem Kaffee oder ähnlichem. Wir tauschen unsere Nummern aus, und dann sagt er mir, dass er Lokführer ist und bietet mir an mal vorne mit zu fahren. Was für ein geniales Angebot! Ich hoffe das war ernst gemeint, denn das würde mich ja mal total faszinieren. So langsam wird die Zeit knapp und ich verabschiede mich von den beiden Herren. Unten angekommen gehe ich noch in den Tabakladen (entgegen allen guten Vorsätzen habe ich doch beschlossen mir eine Schachtel Zigaretten zu kaufen). Dort umarme ich den Kunden nach mir, einen bestimmt 2 Meter großer breit gebauter Herrn und die Verkäuferin. Nun aber hopp in die U-Bahn und zurück nach Hause, sonst komm ich noch zu spät. Ich hole mir ein Ticket, umarme zwischendurch noch eine Frau, die an mir vorbei läuft und gehe runter zur U-Bahn. Unten angekommen bin ich dann doch noch mal nervös. Wie reagieren die Leute wenn sie nicht wegkönnen und wie kann ich ihnen ihren Raum lassen wenn sie „nein“ sagen? Naja, es ist ja nur eine Station. In der U-Bahn frage ich dann ganz frei und ein paar Sitze weiter hinten sagt ein Mädchen „Ich hätte gerne eine Umarmung. Ist die auch wirklich gratis?“ Ich bejahe und sie ist einverstanden. Ich gehe weiter zum Vorraum und dort fragt mich eine blonde Frau warum ich das mache – ich sage: weil es Spaß macht. Darauf hin sie: och, dann hätte ich auch gerne eine Umarmung. Nun ist auch ein älterer Herr, der vorher noch abgelehnt hatte, bereit sich umarmen zu lassen. Dann sind wir auch schon wieder am Aufsessplatz. Ich steige aus, frage den Lokführer, ob er auch eine Umarmung möchte – er bejaht und fährt freudig grinsend und winkend von dannen. Nun da es in Richtung „zuhause“ geht bin ich doch wieder nervös was auf den letzten Metern so noch passieren wird. Ich umarme noch eine ältere Dame, die sich total freut – es wird eine „Doppelte Umarmung“ und schon bin ich wieder an der Fußgängerampel angekommen, wo die Geschichte ihren Anfang nahm. Der Letzte, der umarmt wird ist ein Herr mittleren Alters, der mich schon von weitem Anstrahlt. Er sagt: “Sowas kann man immer gebrauchen”. Eine letzte Passantin verneint mit der Begründung, sie habe es eilig, aber beim nächsten Mal gerne – und schon bin ich wieder im Haus. Jetzt noch mal schnell bei meinen Nachbarn klingeln (natürlich MIT Schild) und Hallo sagen und dann ist das Abenteuer beendet. Fazit: HAMMERGENIALST!!! Ich kann es nur jedem empfehlen sich der Herausforderung zu stellen, es ist eine großartige Erfahrung.